Duineser Elegien
Duineser Elegien ist der Titel einer Sammlung von zehn Elegien des Dichters Rainer Maria Rilke, die 1912 begonnen und 1922 abgeschlossen wurde.
Rilke befand sich auf einer Reise nach Schloss_Duino bei Triest, um dort die Gräfin Marie von Thurn und Taxis zu besuchen. Als er an einer Stelle an den Klippen vorbeizog, soll er angeblich eine Stimme gehört haben, die die Worte "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?" rief. Von diesem Ereignis inspiriert, begann er seine Erste Elegie mit eben diesen Worten. Die Fertigstellung der zehn Elegien zögerte sich durch Rilkes Kampf mit der Depression und seinem Leiden an den Ereignissen des Ersten_Weltkriegs über zehn Jahre hin, sodass sie erst bei seinem Aufenthalt im Rhônetal 1922 vollendet wurden.
Aufgrund ihrer Reichhaltigkeit und Komplexität sind die Duineser Elegien einer raschen Lektüre kaum zugänglich. Hilfreich bei der Lektüre sind in jedem Fall eine gute Kenntnis der Motive von Rilkes Dichtung und die unter den Literaturangaben genannten Interpretationen.
Die erste Elegie
Am 21. Januar 1912 aus Duino an Marie Taxis gesandt, wohl unmittelbar nach der Entstehung
(Alle Entstehungsdaten nach der Werkausgabe von Ernst Zinn.)
Die erste Elegie schlägt zahlreiche Themen an, die in den folgenden Elegien ausgesponnen werden. Die Engel (vgl. dazu besonders den Anfang der zweiten Elegie) und die Tiere (vgl. dazu besonders die achte Elegie) werden genannt. Vor dem Hintergrund dieser beiden Gegenbilder entwickeln die Elegien ihre Deutung der condition humaine.
Das lyrische Ich beklagt die Gefangenschaft des Menschen in der ?gedeuteten Welt?, es wird die Nacht gepriesen, dann die Liebenden und der Held (dem die ganze sechste Elegie gewidmet ist). Die Liebenden und der Held verwirklichen äußerste Möglichkeiten des menschlichen Daseins.
Die zweite Hälfte der ersten Elegie spricht von den ?jungen Toten?, die ebenfalls Idealbilder des Menschlichen sind. Die letzten Verse exemplifizieren schließlich die in den Elegien wichtige Figur eines ?Umschlags?, bei dem sich Leere plötzlich und unerwartet in Fülle verwandelt.
Die zweite Elegie
Duino, Ende Januar / Anfang Februar 1912
Die ersten drei Strophen der zweiten Elegie kontrastieren Engel und Mensch. Dabei wird die Distanz zwischen den Menschen und den Engeln bis ins Unüberbrückbare gesteigert. Auf die ekstatische Preisung der Engel in der zweiten Strophe folgt die Klage über die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit aller menschlichen Versuche in der dritten Strophe. Ist eine Vermittlung zwischen Engel und Mensch möglich? Diese Frage wird verneint.
Die vierte und die fünfte Strophe sind den Liebenden gewidmet. Sie entgehen fast dem Vergehen der Zeit und den Schranken der ?gedeuteten Welt?, an denen die Menschen so leiden. Aber, wie der Schluss der fünften Strophe zeigt, scheitern letztlich auch sie.
Den Abschluss bildet (in der sechsten und siebten Strophe) eine Idealisierung des griechischen Altertums und die Hoffnung auf einen ?Streifen Fruchtlands?, auf dem das Menschliche wie in der Antike gedeihen kann.
Die dritte Elegie
Anfang 1912 auf Duino begonnen; erweitert und vervollständigt im Spätherbst 1913, Paris
Das Thema der dritten Elegie ist die triebhafte Sexualität. Die angsterregende Gewalt der sexuellen Triebkräfte wird beschworen und mythisiert in der Gestalt eines Fluss-Gottes.
Diese chaotische Gewalt wird nun im Verlauf der Elegie in etwas Vertrautes verwanndelt. Als Beispiel für eine solche Humanisierung dient die schützende Kraft der Mutter, die dem Kind die Finsternis vertraut macht.
Die Geliebte soll auf ähnliche Weise das Chaos der triebhaften Sexualität ihres Geliebten besänftigen, die angsterregenden Gewalten verwandeln. Sie soll ?das Entsetzliche? zum ?Lächeln? bringen.
Die vierte Elegie
München, 22. und 23. November 1915
Die vierte Elegie ist eine Kritik des menschlichen Bewusstseins.
Das menschliche Bewusstsein ist ?nicht einig? und vom Vergehen der Zeit befangen. Als Kontrast dient das Bewusstsein der Tiere: Die Zugvögel und die Löwen wissen nichts vom Tod und sind einig mit sich selbst (vgl. dazu die achte Elegie).
Im Zentrum der Elegie steht die Evokation eines ?inneren Theaters? hinter dem ?Vorhang des Herzens?. Auf einer ?Puppenbühne? geschieht der seltsame ?Umschlag?, bei dem Engel und Puppe (die für die beiden äußersten Pole menschlicher Möglichkeiten stehen, grob ausgedrückt: für das Geistige und das Materielle) unerwartet zusammenkommen. Dadurch würde die Spaltung des menschlichen Bewusstseins beendet.
Dann folgt abrupt die Evokation der Kindheit. Das Bewusstsein des Kindes ist noch ungespalten und kennt keine Zeit. Daher hat es den Tod nicht vor sich, sondern ?enthält? ihn. Von dieser Haltung des Kindes zum Tod spricht die letzte Strophe.
Die fünfte Elegie
Château de Muzot, am 14. Februar 1922
Das Thema der fünften Elegie sind ?die Fahrenden? (Akrobaten, Zirkusleute). Sie stehen stellvertretend für die Vergeblichkeit aller menschlichen Versuche. Als Anregung zu dieser Elegie diente Rilke ein Bild von Picasso (?Les Saltimbanques?).
Es werden die Mitglieder einer Familie von Zirkusleuten beschrieben: Mutter und Vater, ein junger Mann (vermutlich ihr Sohn) und eine junge Frau (vermutlich die Tochter).
Dann plötzlich die Frage: ?Wo, o wo ist der Ort?. Sie leitet eine jener unvermuteten Verwandlungen ein, bei denen ?das reine Zuwenig [...] umspringt in jenes leere Zuviel.? Die letzte Strophe evoziert den Platz, an dem diese Erfüllung Wirklichkeit werden kann. Doch es gehört zur Eigenart der Elegien, dass gerade an dieser Stelle die Grenze zwischen Leben und Tod aufgehoben wird: Zuschauer der Akrobaten sind nun plötzlich die Toten.
Die sechste Elegie
Erster Ansatz: Februar/März 1912, Duino. Vers 1-31: Januar/Februar 1913, Ronda. Vers 42-44: Spätherbst 1913, Paris. Vers 32-41: am 9. Februar 1922, abends, Château de Muzot
Das Thema der sechsten Elegie ist der Held. Er ist eines der zahlreichen Gegenbilder zu den Nöten der condition humaine. Wie die Fahrenden verkörpert er eine extreme Möglichkeit des menschlichen Daseins, in diesem Fall allerdings ins Positive gewendet: Für den Helden gelten jene Beschränkungen nicht, unter denen die anderen Menschen leiden. Dies ist der Grund dafür, dass die Elegie relativ spannungslos und rasch ?vowärts stürmt?.
Die siebente Elegie
Château de Muzot, am 7. Februar 1922. Endgültigte Fassung des Schlusses: 26. Februar 1922
Die achte Elegie
Château de Muzot, 7./8. Februar 1922
Die achte Elegie setzt die Kritik des menschlichen Bewusstseins aus der vierten Elegie fort. Auch hier dienen die Tiere als Gegenbild.
Das Thema der achten Elegie sind die Tiere und ihr ?Daseinsraum?, den Rilke ?das Offene? nennt. Die ersten beiden Strophe sind eine Preisung des Tiers. Es sieht ?das Offene? und hat daher kein Bewusstsein von der Zeit und vom bevorstehenden Tod. Als Kontrast dient das menschliche Bewusstsein. Der Mensch ist vom bevorstehenden Tod völlig befangen. Er sieht "Gestaltung" und "Welt", aber niemals das Offene.
Die dritte Strophe relativiert die Preisung des Tieres. Das ?wachsam warme Tier? (damit ist das höher organisierte Säugetier gemeint) kennt die ?Erinnerung? an seine Herkunft aus dem Mutterschoß, in dem es geborgener war. Nur die ?kleine Kreatur? (die Mücke) kennt diese ?Erinnerung? nicht, weil sie nicht aus einem Mutterschoß geboren wurde. Zwischen der Mücke und dem Säugetier platziert die Elegie den Vogel und die Fledermaus, die gegenüber der Mücke nach ihrer Geburt dem Mutterschoß jeweils einen Schritt weiter entfremdet sind.
Die Elegie schließt mit einer Klage über das menschliche Bewusstsein.
Die neunte Elegie
Vers 1/6a und 77/79: März 1912, Duino; der Kern: 9. Februar 1922, Muzot
Die zehnte Elegie
Vers 1-15: Duino, Anfang 1912; erweitert, aber nicht vollendet im Spätherbst 1913, Paris. Erste Fassung des Ganzen, fragmentarisch: Paris Ende 1913; im Februar 1922 verworfen und am 11. 2. 22 durch die ? ab Vers 16 völlig neue ? endgültige Fassung ersetzt
Literatur
* Ulrich Fülleborn/Manfred Engel (Hg.), Materialien zu Rilkes "Duineser Elegien". Bd.1:. Selbstzeugnisse; Bd.2: Forschungsgeschichte; Bd.3: Rezeptionsgeschichte. Frankfurt: Suhrkamp 1980-1982.
* Manfred Engel, Rainer Maria Rilkes "Duineser Elegien" und die moderne deutsche Lyrik. Zwischen Jahrhundertwende und Avantgarde. Stuttgart: Metzler 1986 (Germanistische Abhandlungen 58).
* Anthony Stephens, "Duineser Elegien". In: Manfred Engel/Dorothea Lauterbach (Hg.), Rilke-Handbuch. Stuttgart, Weimar: Metzler 2004, S. 365-384.
* Guardini, Romano: Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien. München: Kösel 1953.
* Steiner, Jacob: Rilkes Duineser Elegien. Bern: Francke 1962.
Weblinks
• Duineser Elegien: im Gutenberg Projekt

